Geschichte: Ein lebendiger Kunstraum für alle

Künstlerhaus und Tor zur Welt

Zwischen den Hügeln von Ligornetto erzählt das Museo Vincenzo Vela das 19. Jahrhundert mit einem zeitgenössischen Blick, der Kunst, Geschichte und Dialog verbindet.

In Ligornetto, in den malerischen Hügeln des Mendrisiotto, befindet sich das Museum Vincenzo Vela, ein bedeutendes europäisches Künstlerhaus des 19. Jahrhunderts und ein besonderer Genius loci. Hier wird das wertvolle künstlerische Erbe zeitgemäss interpretiert mit Fokus auf kulturelle Vermittlung und den Dialog zwischen Gestern und Heute.

DAS IST

Antonia Nessi, Direktorin des Museo Vincenzo Vela

Antonia Nessi, Direktorin des Museo Vincenzo Vela
Im Museo Vela befinden wir uns in einem Raum voller Geschichten, die bis heute nachklingen.

DIE GANZE GESCHICHTE


Frieden und Magie. Wer das Museo Vela betritt, spürt diese zwei Dinge. Beim Spazieren im üppigen Park und durch die Villa herrscht eine sakrale Atmosphäre. Das Standbild des Herzogs von Braunschweig, das die Gipsfigurensammlung im Erdgeschoss dominiert, beeindruckt mit seiner Imposanz. Das Künstlerhaus – ein Herzenswunsch von Vincenzo Vela – ist der realistischen Bildhauerei des 19. Jahrhunderts gewidmet, doch die Zeit ist hier nicht stehengeblieben. Das Museum ist heute vor allem ein Tor zur Welt. Wechselausstellungen, Events und begleitende Angebote ergänzen die permanente Sammlung. Die lichtdurchfluteten Räume, der Park und die Werke treten miteinander in einen harmonischen Dialog und bieten den Besuchenden einen immersiven und stets neuen Rundgang. Das Museum ist ein Begegnungsort zwischen Kunst, Natur und Gedanken – ein Ort, an dem jedes Detail zur Kontemplation einlädt. Die Anthropologin und Kunsthistorikerin Antonia Nessi, die Erfahrung aus dem Ausland und der Romandie mitbringt, leitet das Haus seit 2023. Mit ihrem Team baut sie Brücken zwischen dem künstlerischen Erbe der Vergangenheit und der heutigen Realität. In Mendrisio geboren und in einem kulturell anregenden Umfeld aufgewachsen, besuchte Antonia das Museum Vela schon als Kind gemeinsam mit ihrem Vater. Nach fünfundzwanzig Jahren fernab ihrer Heimat war die Rückkehr nach Ligornetto, um für das Museum zu arbeiten, für sie eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln.

Das Museum hat Antonia seit jeher fasziniert. Als sie dort als neue Direktorin ankam, führte sie der Hausmeister durch alle Räume der Villa und sogar hinauf aufs Dach. Von dort oben war sie tief berührt vom Blick auf die Landschaft und erkannte sofort, wie visionär Vela gewesen war. Für die charismatische Direktorin ist das Museum vor allem ein Ort, an dem Geschichten durch Bilder erzählt werden. Wer lernt, ihre Bedeutung zu entschlüsseln, kann die Gesellschaft besser verstehen. Antonia interessiert besonders, wie Skulpturen des 19. Jahrhunderts mit der Gegenwart in Dialog treten können; deshalb möchte das Künstlerhaus neuen Stimmen und unterschiedlichen Perspektiven Raum geben.

Das Museum ist ein Ort, wo wir mit Bildern Geschichten erzählen können.

Dieser Ansatz steht im Einklang mit der Kulturvermittlung, für die das Museo Vela – dank der Weitsicht seiner früheren Direktorin Gianna A. Mina – im Tessin eine Pionierrolle einnimmt. Ein zentrales Ziel besteht darin, ein vielfältiges Publikum anzusprechen, insbesondere Menschen in verletzlichen Lebenslagen oder am Rand der Gesellschaft. Antonia erklärt, dass das Museum jede Woche Schulklassen, Jugendliche, Erwachsene und viele weitere Gemeinschaften empfängt.

In den letzten Jahren entstand ein Projekt für Menschen mit Alzheimer: Skulpturen haben eine erzählerische Kraft, die lange verschüttete Empfindungen und Erinnerungen wecken kann. Auch mit den Migrantinnen und Migranten der Region wurde intensiv gearbeitet. Die ausgestellten Werke, universal und zeitlos, sprechen über kulturelle Grenzen hinweg. Das Museum produziert derzeit einen Podcast, in dem Asylsuchende Velas berühmteste Skulptur, Spartakus, mit ihrer eigenen Stimme neu interpretieren.

Dieses feinfühlige soziale Engagement brachte dem Museo Vela 2019 das renommierte Label «Kultur inklusiv» von Pro Infirmis ein.

Pro tip
Auf der Website der Fonderia Perseo findet sich eine Liste aller Künstler, deren Werke in Bronze gegossen wurden.
In Comano kann man den Spuren von Nag Arnoldi folgen – ein einzigartiger Rundgang, der Kunst, Natur und von dem Künstler inspirierte Orte vereint.
Die von der Fonderia Perseo gegossenen Werke schmücken die Uferpromenaden im Tessin und verbinden Kunst und Landschaft in perfekter Harmonie.

Im ersten Stock des Künstlerhauses werden regelmässig Wechselausstellungen gezeigt, oft in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Kunstschaffenden. Antonia betont, dass stets ein Bezug zu Velas Werk besteht, das zum Nachdenken anregt, und dass Ausstellungen Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart schlagen sollen.

Ein vielfältiges Programm mit Tanz, Musik und Performances bringt die Ausstellungen näher an das Publikum und fördert den Dialog, ganz im Sinne der Philosophie des Hauses.

Bilder haben – fast mehr als Worte – eine grosse Deutungsmacht.

Ein besonderes Merkmal dieses Ortes ist der aussergewöhnlich schöne Park, den Vela als integralen Bestandteil seines Gesamtkunstwerks konzipiert hat. In zwei Bereiche gegliedert – einen italienischen Garten und einen englischen Landschaftsteil – beherbergt er Heilpflanzen, Reben und eine reiche Sammlung von Zitrusgewächsen. Ein Raum voller positiver Energie, der zum Verweilen einlädt und viele Aktivitäten des Museums ermöglicht. Neben den Ausstellungen wurde dieses Jahr das Programm «Benessere al Museo» lanciert, mit Pilates, Yoga und Klangmeditation in den Sälen und im Park.

Zu den kommenden Herausforderungen gehört es, die Bevölkerung noch stärker einzubeziehen, insbesondere Jugendliche. Viele trauen sich noch nicht, ein Museum zu betreten, und fühlen sich davon eingeschüchtert. Daher braucht es neue Wege der Vermittlung und passende Formate, um auch diese Altersgruppe zu erreichen. Die Direktorin ist überzeugt, dass Kunst Menschen in jeder Lebensphase ansprechen sollte.

Das Museo Vincenzo Vela war Wohnhaus, Atelier und Museum zugleich – ein Ort voller Geschichten, die noch heute in seinen Mauern nachklingen. Ein freier Raum, der sich weiterentwickelt und Ausdruck ermöglicht; ganz im Sinne seines Schöpfers.

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