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Morfologie

Die Ausstellung präsentiert zwei Werkreihen des Schweizer Künstlers Andreas Seibert, der nach 16 Jahren in Tokio seit 2013 wieder in der Schweiz lebt und arbeitet. 2014 zeigten wir unter anderem seine beiden großformatigen Arbeiten „Die Farben des Wachstums: Chinas Huai-Fluss“ und „Von irgendwo nach nirgendwo: Chinas Binnenmigranten“ in Gruppenausstellungen. Obwohl sich beide ausgestellten Fotoserien dem Thema Landschaft zuordnen lassen, unterscheiden sie sich grundlegend in ihrer technischen Ausführung und ihrer Bildsprache.

Die erste Serie, „Auenwald“ (2016–2017), wurde analog in Schwarz-Weiß fotografiert und zeigt einen in sich geschlossenen Auenwald: ein Eintauchen in das Gewirr von Ästen und Blättern, wo der Blick körperlich und fühlbar wird. Wie Dantes dunkler Wald ist dieser Wald ein Ort der Verwirrung und Offenbarung zugleich – ein lebendiges Wesen, das den Betrachter umhüllt, fast wie ein fühlbares Material, mit dem es sich zu verbinden gilt.

Die Bilder der zweiten Serie, „Vergegenwärtigung aller Zeiten“ (2018 bis heute), wurden aus großer Höhe aufgenommen. Aus der Ferne wirken die Landschaften beinahe abstrakt. Erst nach und nach erschließen sie sich als vom Menschen geformte Räume. Straßen, Gräben, Pipelines, Felder und Stauseen erscheinen nicht länger als bloße Eingriffe in eine unberührte Natur. Sie sind selbst Teil ihrer Morphologie geworden – Einschreibungen ökonomischer, technischer und politischer Prozesse in die Erdoberfläche. Jede Landschaft ist ein sich in Zeitlupe entfaltender Prozess. Sie ist niemals einfach nur das, was sie darstellt, sondern das sichtbare Ergebnis unzähliger, sich überlagernder Kräfte. Geologie, Wasser, Vegetation, Klima, menschliche Arbeit und politische Entscheidungen sind in ihr eingeschrieben.

Manche Veränderungen vollziehen sich innerhalb weniger Jahre, andere so langsam, dass sie unserer Wahrnehmung entgehen. Beide Arbeiten kreisen um dieselbe Frage: Wie ist die Zeit in die Welt eingeschrieben? Nicht als Erinnerung. Nicht als Geschichte. Sondern als eine Form, die wir Landschaft nennen. Die Ausstellung präsentiert somit zwei radikal unterschiedliche Formen der Betrachtung: die intensive Nahbetrachtung und die distanzierte, abstrakte Betrachtung aus großer Höhe.

Hier wird Fotografie zur visuellen Spekulation und ist nicht länger bloßes Dokument. Zwischen diesen beiden Polen stellt Seibert den Besucher vor die Frage nach seiner eigenen Position in der Welt: Befinden wir uns noch innerhalb der Landschaft oder haben wir sie bereits verlassen?

Merkmale

  • Wann
    Von 06.09.2026 bis 30.10.2026
  • Kategorie Kunstausstellungen, Kulturell